"Ich bin der Konquistador in der Rüstung aus Eisen"
(Nikolaj Gumilew, 1905).
IGOR STRELKOW: "RUSSLAND HAT DIE WAHL ZWISCHEN KRIEG ODER KAPITULATION"
(übersetzt von mir)
"Russkij Dosor", 03. August 2015.- Freundlicherweise stimmte Igor Strelkow nach einer verlängerten Informationspause einem ausführlichen Interview für "Die Glocken Russlands" ("Russkij Dosor") zu.
Das Gespräch war sehr enthüllend. Als Kommandeur Neurusslands, als Oberst des russischen Geheimdiensts, als Historiker, als ein zielstrebiger Politikmacher präsentierte Igor Iwanowitsch Strelkow seine Ansicht zur Lösung des Problems Transnistriens, Russlands, der Ukraine, seine Haltung gegenüber den Kremlbeamten und Putin persönlich sowie seine eigene Rolle in der russischen Geschichte.
Und Strelkow lüftete den Vorhang zu seiner eigenen politischen Zukunft.
Frage: Igor Iwanowitsch, zuallererst möchten wir Ihren Standpunkt bezüglich Transnistrien kennenlernen. Das ist jetzt das brennendste Thema. Ist es möglich, Russland in den Konflikt mit Moldawien und der Ukraine hineinzuziehen?
Igor Strelkow: Haben Sie verfolgt, was ich derzeit darüber äusserte? Dies ist ein weiterer Schritt, Russland zu provozieren, ein direkter Beteiligter am Konflikt zu werden. Es jedoch so zu provozieren, dass unser Land nach einem Drehbuch spielen würde, welches der Feind anbieten wird.
Ich habe keinen Zweifel daran, dass es dem Feind früher oder später gelingen wird, uns in einen Krieg hineinzuziehen. Und dass der Feind versuchen wird, uns zu zwingen, an der aussenpolitischen Front zu kapitulieren.
Aber vom Fakt her denke ich nicht, dass unser Präsident kapituliert. Die einzige Frage ist, wo der Konflikt sich ereignen kann.
Transnistrien ist für ihn das perfekte Sprungbrett. Dieses Gebiet ist von allen Seiten her umgeben von offen Russland gegenüber feindlichen Staaten wie der Ukraine und Moldawien. Die Tatsache, dass diese Länder uns gegenüber feindselig sind, ist übrigens ein "herausragendes" Verdienst unserer Diplomatie und Aussenpolitik. Deren "Errungenschaften" ist die Tatsache, dass das pro-russische Transnistrien mit schätzungsweise 150.000 bis 200.000 russischen Bürgern als Einwohnern in einen Belagerungszustand geraten ist.
Es gibt keine Kommunikationskabel nach Transnistrien. Aber die beiden angrenzenden Länder dieses letzten Zipfels der UdSSR waren an einem russischen Kontingent interessiert, als dies dort nicht war und der grösste Teil von Transnistrien nicht existierte. Demzufolge, sollte Russland seinen Verbündeten schützen wollen, muss Russland asymmetrisch vorgehen.
Wir müssen uns entweder in einen Luftkrieg hineinziehen lassen, was äusserst unvorteilhaft ist, weil der Feind alle Vorzüge des Einsatzes bodengestützter Luftabwehrwaffen hat. Oder wir versuchen, mit einem Landkorridor nach Transnistrien durchzubrechen. Letzteres würde Russland sofort als Aggression gegen die unabhängige Ukraine und Moldawien angehängt werden.
Alles, was in Transnistrien geschieht, ist die Folge aus der Unentschlossenheit und meiner Meinung auch aus der Sabotage durch Einzelpersonen in der russischen Führungsspitze, die vor einem Jahr in das ukrainische Problem verwickelt waren. Damals war es möglich, den Korridor mit einem Regiment oder einer Brigade einzurichten und zu tun, was auf der Krim getan wurde, allerdings nur auf dem Territorium von Charkow bis Odessa.
Aber ein Jahr danach stehen wir nun an einer Sackgasse. Die Ukraine bereitet sich derzeit definitiv auf den Krieg vor und wir ganz klar Transnistrien angreifen. Sie haben die Luftverteidigung ausgebaut, ihre Truppen zusammengezogen.
Frage: Und wie wird die Ukraine dies rechtlich begründen, wo doch Transnistrien ein offizieller Teil Moldawiens ist?
Igor Strelkow: Das wird natürlich über eine Vereinbarung mit Moldawien erledigt werden. Immer wenn es nötig ist, die Handlungen des Gegners zu verstehen, frage ich mich selbst, wie ich vorgehen würde.
Und hier würde ich wie folgt vorgehen: Ein paar Provokationen an der Grenze Transnistriens zur Ukraine organisieren. Dann unter dem Vorwand, dass Moldawien Russland aufgefordert hätte, seine Friedenstruppen zurückzuziehen, ein Ultimatum vorlegen.
Frage: Aber wenn Russland seine Truppen abzieht? Was dann?
Igor Strelkow: Ein neues Ultimatum. Bis dahin, dass nach Rumänien wegen militärischem Beistand gegangen wird, usw. Dies alles hängt von ihrem Verständnis ab. Davon, wie weit gegen Russland zu gehen sie bereit sind. Wenn sie fühlen, dass Russland nicht bereit ist, Transnistrien militärisch zu verteidigen, schlagen sie sofort zu.
Frage: Und glauben sie momentan, dass Russland nicht bereit ist?
Igor Strelkow: Sie versuchen, sich in kleinen Schritten zu bewegen. Wie agierten sie doch gleich in Slawjansk?
Erst feuerten sie aus ihren Waffen an der Frontlinie. Nahm Russland dies hin? Aha! Dann können wir ja mit Mörsern auf die Vororte schiessen! Und wieder sagte Russland nichts. Also versuchen wir es jetzt mal mit der Artillerie! Russland war wieder ruhig. Jetzt versuchen wir den Einsatz chemischer Waffen! Und sie verwendeten sogar Phosphormunition. Und schliesslich begannen sie skrupellos und ohne Zögern die ganze Stadt mit schwerer Artillerie zusammenzuschiessen. Sie begriffen, dass Moskau nicht bereit ist, ihnen einen wirklichen Widerstand entgegenzusetzen. Darum wurden sie dermaßen unverschämt.
In Transnistrien läuft es mit demselben Ansatz. Ich habe schon einmal in einer Rede das Beispiel mit dem Frosch zitiert, welcher auf kleiner Flamme gekocht wird. Er versteht nicht, dass er gekocht werden soll. Bei jeder Erwärmungsstufe passt er sich an, immer wieder. Doch wird er schliesslich gekocht!
Und für die Entfaltung dieser Provokationen ist jetzt Saakaschwili engagiert worden. Das ist der Mann, der auf die Ukraine und Odessa und auf Russland spuckt.
Frage: Denken Sie, dass sein Einsatz dort "zwecks Transnistrien" erfolgte?
Igor Strelkow: Ich denke, dass dies kein Zufall ist! Aus irgendeinem Grund wurde er nicht in Dnjepropetrowsk eingesetzt, sondern in Odessa. Wie wir wissen, grenzt die Region Odessa an Transnistrien.
Frage: Welche Absicht steckt hinter diesen Aktionen? Transnistrien von Russland abbringen? Revanche? ...
Igor Strelkow: Ja, sie haben keine Absicht in Transnistrien! Das ist nur ein kleiner Fleck in einer grossen geopolitischen Situation.
Das hauptsächliche Ziel besteht darin, Putin zur Kapitulation zu zwingen. Ihn völlig seiner Glaubwürdigkeit zu berauben.
Wie in einem alten Märchen brachten sie den Stein an die Kreuzung von zwei Strassen. Die eine Strasse ist der Krieg. Die andere Strasse ist die Kapitulation. Und die Strasse in die Kapitulation gabelt sich sich auch! Und zwar wieder in Krieg oder Kapitulation.
Das ist ein Gesamtsystem! Wäre Russland vor einem Jahr in den direkten Konflikt mit der Ukraine gegangen, dann hätten das Land und der Präsident eine hohe Zahl an Minuswerten in der Wirtschaft und in der Politik. Aber es gäbe ein gewaltiges Plus, und zwar von Charkow bis Odessa!
Russland konnte Millionen von Angehörigen des russischen Volkes rückgewinnen, neben vielen wirtschaftlich entwickelten Gebieten ... Aber jetzt, über ein Jahr später, gibt es diese Vorteile nicht länger. Jetzt ist die Zahl der Minuswerte bereits höher als die der Pluswerte. Und je weiter wir versuchen, mit jenen zu verhandeln, die im Grunde nicht verhandlungsbereit sind, um so unwahrscheinlicher ist es, dass wir nach einiger Zeit noch irgendetwas ausrichten können.
Der Feind wird ständig angespornt. Er sieht unser Zögern. In der kapitalistischen Welt,- einer Welt der wirklichen Räuber, ist es einfach. Schlägst du nicht zurück, dann wird alles gegen dich aufgeboten, vom Polarbären bis hin zur letzten Kakerlake. Denn sie alle finden sich zusammen, um ein Stück von der Beute zu erhaschen.
Jetzt fühlt auch Moldawien, dass Russland nicht der Bär ist. Und so gehen sie daran zuzubeissen. Die Dreistigkeit Polens, die Dreistigkeit der baltischen Staaten, dies wird nur zunehmen, wenn wir uns zurückhalten und zu verhandeln versuchen.
Selbst wenn wir jetzt versuchen, die Unantastbarkeit Transnistriens diplomatisch zu gewährleisten, sagen und wiederholt jetzt sagen, dass wir für Transnistrien kämpfen werden, werden sie uns immer wieder in eine Falle treiben.
Erinnern wir uns noch an so einen "wundervollen" "Kosakenplan", als wir die Unantastbarkeit Moldawiens anerkannten? Vergleichbar damit erkennen wir jetzt die Unantastbarkeit der Ukraine im Donbass an. Wundervoll! Eine legale Grundlage für die Intervention, denn wir stehen ausserhalb des alten Vertrags mit Moldawien, nicht wahr? Und wenn morgen das Parlament von Moldawien den Beschluss zur Aufkündigung dieses Vertrags fasst, haben wir nichts zu verstecken und müssen rechtlich die Truppen zurückziehen.
(Fortsetzung folgt)