NEURUSSLAND ALS TEIL RUSSLANDS

  • NEURUSSLAND ALS TEIL RUSSLANDS


    von Boris Dschereljewsky
    (übersetzt von mir)


    Segodnia.ru, 26. Mai 2015 - 07:07 Uhr.- Es besteht kein Zweifel hinsichtlich der Äusserung von Sergej Lawrow, dass Russland im ukrainischen Donbass nicht mehr als ein diplomatisches Spiel sieht.


    Der russische Außenminister ist sich als zuständiger Realpolitiker bewusst, dass die Bevölkerung der Volksrepubliken nicht unter der Hoheit von Kiew sein möchte. Außerdem ist Kiew selbst weder militärisch noch wirtschaftlich fähig, seine Souveränität über diese Gebiete auszudehnen.


    Darüber hinaus gibt es keinen Zweifel, dass die Übergabe Neurusslands den Kreml automatisch um seinen grössten Faustpfand, die Unterstützung des Volkes und das Vertrauen des Volkes in ihn bringen würde. Und ohne dies steckt die russische Regierung in der Gefahr, zu einer Art von Junta in Kiew zu werden.


    Moskaus Ziel ist offensichtlich: die Demontage des faschistischen prowestlichen Regimes mit einem Minimum an menschlichen, politischen, finanziellen und wirtschaftlichen Verlusten.


    Aber die Äußerung des Donezker Kollegen von Lawrow über das "Einfrieren des Projektes Neurussland" ist keine derart eindeutige Reaktion. Kofman, Aussenminister der Volksrepublik Donezk, sagte: "In Bezug auf das Projekt Neurussland, aufgrund der Tatsache, dass wir den Volksaufstand früher als von uns geplant hatten, konnten wir die Bevölkerung nicht in den Strassenkundgebungen halten, bis unsere Unterstützer auch in den anderen Regionen, in Odessa ... Charkow ankamen und dort in Stellung waren. Infolge dessen wurden mehr als 40 unserer Leute in Odessa umgebracht und viele Aktivisten in Charkow festgenommen. Und die Republik, die absichtsvoll in diesen Regionen geschaffen werden sollte, schien enthauptet worden zu sein. Daher ist das Projekt Neurussland für einige Zeit geschlossen worden. Und zwar so lange, bis in allen diesen Regionen die neue politische Elite die Bewegung führen und anwachsen lassen kann. Denn wir haben jetzt nicht das Recht, für Charkow, Saporoschje, Odessa deren Meinung zu äussern."


    Nehmen wir an, Stalin oder Molotow hätten gesagt, dass im Januar 1943 der Widerstand der Bevölkerung gegen die Nazis im Donbas nicht wie geplant gelaufen wäre, weshalb die "Junge Garde" getötet worden wäre. Und nun, vor einer Befreiung von Krasnodon und Lugansk muss abgewartet werden, bis eine neue politische Elite heranwächst. Denn man kann seinen Willen Krasnodon und allgemein dem Donbass nicht aufzwingen!


    Absurd? Natürlich! Derlei Kauderwelsch lieferte dennoch hauptsächlich dieser Donezker Diplomat, dessen Konstruktionen ähnlich sind.


    Erstens ist Neurussland nicht irgendein beliebiges Projekt. Sondern es ist ein historischer Teil von Russland.


    Die Bevölkerung ist zuallererst das russische Volk. Und sie hatte einfach nicht die Möglichkeit, in einem Referendum am 11. Mai teilzunehmen. Sie hatte ebenso wenig die Möglichkeit, wie Kofman sagte, ihre "Meinung" zu äussern. In Anbetracht des Terrors ist der Strafbataillone in den besetzten Gebieten Neurusslands ist dies nicht verwunderlich. Nach der Logik von Kofman darf man Slawjansk, Lissitschansk, Mariupol und Kramatorsk nicht "seinen Willen aufdrücken".


    Jedoch hat beispielsweise der Vizegouverneur von Odessa, Soja Kasanschi, anerkannt, dass ungeachtet des Naziterrors der Anhänger der Ukraine in Odessa nur 20 % pro-ukrainisch dort sind und die aus Odessa kommenden im Donbass eingesetzten Militärangehörigen auf die Seite der Truppen der Volksrepubliken überlaufen.


    Über die Meinung der Odessaer und der Charkower wird gesagt, dass in diesen Städten von den Bandera-Faschisten der Terror fortgesetzt wird und das Volk einschliesslich einbeiniger Invaliden wegen Verdachts der Illoyalität in die Folterkammern geworfen wird. Bis jetzt sind diese Städte von den Polizisten aus Galizien und Wolhynien, der Nationalgarde und den Nazikämpfern überschwemmt. Und deren Zahl vergrössern sie ständig! Aber trotz aller Bemühungen registriert die Junten, dass der Widerstand in den okkupierten Gebieten Neurusslands nicht aufhört und sich trotz all dem verstärkt.


    Kritiker ertragen auch die Behauptung Kofmans über den Niedergang der politischen Elite im Haus der Gewerkschaften nicht. Es reicht, die Nachrichten über die Odessaer Märtyrer zu verfolgen, um zu verstehen, dass unter diesen guten, aufgeweckten und mutigen Menschen praktisch gar kein Politiker gewesen war. Unter den ermordeten Dichtern, Musikern, Unternehmern, Ärzten, Lehrern, Rentnern waren weder Illegale noch Kämpfer!


    Aber dies bedeutet nicht, dass sie gar nicht existiert hätten. Die russische Bewegung Neurusslands existierte und existiert, und zwar ohne jede Teilnahme von FSB, GRU, Strelkows, Surkows, Kurginjans. Diese Volksbefreiungsbewegung hat sich lange vor dem "Russischen Frühling" gebildet und war eine Reaktion auf die ersten Schritte nach dem Beginn der zwangsweisen Ukrainisierung.


    Ich selbst habe ständig während der Ereignisse im März 2014 auf der Krim Angehörige der Widerstandsbewegung aus Odessa, Nikolajew und Charkow getroffen. Sie kamen auf die Krim, um die Halbinsel gegen die Junta in Kiew zu verteidigen. Diese Leute hatten enge Beziehungen und Kontakte mit Gleichgesinnten im gesamten Neurussland. Und falls erforderlich sind sie bereit gewesen, als militärische Einheiten tätig zu werden. Und nachdem die Krim befreit worden war, gingen sie in den Donbass. Allein Einwohner Odessas bilden bei den Streitkräften Neurusslands ein Kollektiv von bis zu 3000 Kämpfern! Bei der Volksmiliz sind nicht wenige aus Charkow, Dnjepropetrowsk, Saporoschje!


    Und nicht wenige von ihnen haben zu den Waffen in der Hoffnung gegriffen, dass bald ihre Heimatstädte und -dörfer befreit werden und sie sowie ihre nahen Verwandten vom Joch der Faschisten dann befreit sein werden. Aber es stellt sich heraus: Nein, das wird nichts, weil Herr Kofman entschieden hat, dass es nicht möglich ist, "den Willen durchzusetzen?"


    Man kann natürlich vermuten, dass die Äusserung des Außenministers der Volksrepublik Donezk auch eine Art diplomatisches Spiel bei den Verhandlungen mit der Ukraine ist. Jedoch unterbietet niemand bei einer Verhandlung die Preise von sich aus, wie es Kofman gemacht hat. Möglicherweise geht es um etwas ganz anderes.


    Die zu früh geborenen Donezker und Lugansker "politischen Eliten" sabotieren die Integrationsprozesse zwischen den Volksrepubliken (nicht einmal das einheitliche Militärkommando wurde geschaffen). Anscheinend ist es so, wie Julius Cäsar meinte: "Es ist besser, der Erste im gallischen Dörflein als der Letzte in Rom zu sein".


    Wenn dem so ist, brauchen sie kein grosses Neurussland. Und sie sind zur Vermeidung von Konkurrenz bereit, russischen Boden und 20 Millionen Russen zu opfern, die sie dem Massakrieren durch die Bandera-Faschisten preisgeben.


    Doch glücklicherweise geschieht alles unabhängig von ihrem Willen. Selbst mit all ihrem unendlichen Wunsch und ihrer Bereitschaft, Zugeständnisse zu machen - sie sind "die Elite" - schaffen sie es nicht, mit der Junta zu verhandeln (weil dies nicht möglich ist). Eine Wiederaufnahme der Kampfhandlungen würde alle diese Spiele und dieses Geschacher zunichte machen.


    Die Geschichte lehrt uns, dass sich die zerbrochenen, fragmentierten russischen Landesteile unvermeidbar zu einem kohärenten Ganzen zusammenfügen, so wie die Kugeln des Quecksilbers durch die Magnetkraft.


    Quelle: http://www.segodnia.ru/content/161011


    Jens

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